Soziale Angst & Fight-Flight-Freeze: Wie ich als Betroffene und Coach soziale Ängste erlebe und was hinter Schweigen, Absagen und Überdrehtsein stecken kann.
Fight – Flight – Freeze (Kampf – Flucht – Erstarren), das sind die evolutionär tief in uns verankerten Reaktionen, mit denen wir auf Gefahren reagieren. Grundlegend sind diese Strategien sinnvoll und hilfreich, denn schon bei unseren Vorfahren hat der Körper so versucht das eigene Überleben zu sichern. Wenn aber die Angst zur Angsterkrankung geworden ist, können sie auch hinderlich werden.
Mir ist das „Dreiergespann“ in sozialen Situationen begegnet und bewusst geworden. Einerseits hat es mich als Teilnehmerin in akuten Angstphasen selbst sehr gestresst zu entscheiden, ob ich es denn wirklich schaffe zu einem Workshop oder ähnlichem zu gehen (oder die Angst doch die Oberhand gewinnt), andererseits gebe ich inzwischen selbst wieder Kurse oder Workshops, was mich Menschen begegnen lässt, die möglicherweise gerade fühlen wie ich früher, oder manchmal noch heute, denn Angst ist nun einmal ein wichtiges Grundgefühl, dass wir alle haben und das nicht einfach ganz verschwindet.
Von TherapeutInnen wird oft empfohlen begleitend z.B. Entspannungskurse zu besuchen, deshalb beziehe mich in diesem Beitrag vor allem auf die Teilnahme an Kursen, Workshops etc.
Flight – Vermeidung: der Angst davonlaufen
Flucht ist in dem Zusammenhang noch relativ klar: Vermeidung. Ich bin also zu einer Veranstaltung oder ähnlichem gar nicht erst gegangen. Schon das Verfassen einer Absage kann bei sozialer Angst die nächste Mammutaufgabe werden. Gedankenchaos schon beim Mail schreiben: „Wirke ich unzuverlässig, wenn ich absage?“, Rechtschreibfehler? Kommata? „Habe ich den Namen richtig geschrieben?“, „Nicht, dass ich als blöd wahrgenommen werde!“, „Welche Grußformel ist passend? Womöglich werde ich für unhöflich oder spießig gehalten“. Da wird auch schnell klar, worum es bei sozialer Angst oft geht: die Angst vor der (negativen) Bewertung anderer bzw. davor Fehler zu machen. Ist die Mail dann endlich geschrieben, folgt ein schier endloses nochmal-lesen um auch den letzten Fehler zu finden.
Perspektivwechsel: Aus Sicht eines Coaches
Ja, es ist schade, wenn jemand letztlich nicht zum Workshop kommt. Aber das liegt dann erstmal nicht an mir (da winkt die Sorge nicht zu genügen). Auch wenn jemand dann sehr kurzfristig oder gar nicht absagt, ist das für die Planung manchmal ungünstig, aber wenn ich dann daran denke, dass all das vielleicht für jemanden eine große Hürde ist, die für andere so selbstverständlich ist, fällt mir das leichter.
Freeze – erstarren: Rückzug ins Schneckenhaus
Ich habe tatsächlich nicht oft vermieden. Meist war ich sehr „funktional“ und habe irgendwie versucht alles zu machen, auch wenn es mich dann eher überfordert hat (dann musste ich zumindest niemandem was erklären).
War ich also schließlich in einer Situation, blieben noch die beiden anderen. Das „Erstarren“ passierte mir dann erstmal häufiger, ohne dass mir das lange bewusst war. Was passiert dabei? Ich war zwar körperlich anwesend, aber wie erstarrt und kaum mehr in der Lage mich irgendwie zu beteiligen, tat mich sehr schwer mit anderen Menschen zu reden und habe mich eher innerlich zurückgezogen oder ähnliches. Als hätte ich versucht mich unsichtbar zu machen. Mir ist es passiert, dass ich in Gruppen förmlich übergangen wurde, so „gut“ hab ich mich offensichtlich „versteckt“ (für den inneren Kritiker ein gefundenes Fressen „Du bist nicht wichtig“, „Die anderen nehmen dich gar nicht wahr“ – natürlich, dafür sorgt die Angst schon). Wir erinnern uns an die Dinge, um die es bei sozialen Ängsten oft geht: Bloß nicht blamieren, was dummes/zu banales sagen, eine Antwort nicht wissen, beim gemeinsamen Essen „peinliche Essgeräusche“ machen oder ähnliches. Auch Scham spielt hier eine große Rolle. Vorstellungsrunden oder ähnliches haben in dem Zusammenhang großes Streßpotential – der Puls steigt, je näher der Moment rückt, an dem ich „dran“ bin. Online noch spannender – da weiß ich ja nie, wann ich dran bin, weil ich nicht weiß, wie die Kacheln beim Coach/TrainerIn angeordnet sind.
Perspektivwechsel – aus Sicht eines Coaches
Wenn jemand schweigt oder unnahbar wirkt ist das als Coach natürlich nicht ganz einfach, wenn ich alle einbeziehen will. Schnell schleicht sich das Gefühl ein, ich erreiche den Menschen nicht und der innere Kritiker meint, mein Kurs sei schlecht. Das muss aber gar nicht so sein. Vielleicht hat dieser Mensch innerlich gerade einen eigenen Kampf auszutragen. Vielleicht ist gerade jetzt die Konfrontation für diesen Menschen. Ich weiß davon nur nichts. Das würde auch einen immensen Vertrauensvorschuss mir gegenüber bedeuten.
Ich bemühe mich beispielsweise, wenn ich eine Frage in die Runde stelle, klar zu stellen, dass es auch ok ist, nichts zu sagen, weil ich weiß, dass das schwer sein kann und die Menschen aber trotzdem nicht zu übergehen. Auch Ja – Nein – Fragen wie „Möchtest du etwas dazu teilen?“ können helfen, denn sie lassen alle Möglichkeiten offen.
Fight – Angriff: Überdrehtheit als Schutzreaktion
Klingt etwas brutal, aber natürlich habe ich niemandem weh getan. Diese Reaktion habe ich bei mir erkannt im überdreht/“drüber“ sein. Ich war für meine Verhältnisse also ziemlich gesprächig, lauter als ich mich sonst kannte und jeder noch so schlechte Wortwitz war meiner (mit Witzen versuchte ich wohl von meiner eigentlichen Emotion – Angst – abzulenken). Ich mache ja sonst auch gern mal Quatsch, aber in diesem Modus ist es einfach zu viel. Lachen geht dann meistens nur mit Anspannung im Bauch und der innere Kritiker hat hinterher viel zu analysieren, was alles doof oder peinlich war – lauter Momente, an die sich real wahrscheinlich niemand außer mir erinnert. Es verwundert sicher nicht, dass hier auch viel Scham dabei ist.
Fight – aus Sicht eines Coaches
Ein Mensch, der einfach gerade „drüber“ ist, fällt womöglich gar nicht so stark auf (je nachdem, wie weit „drüber“ er oder sie ist). Die Person redet, scherzt und lacht. Dahinter kann sich viel Anspannung und Wunsch nach Kontrolle verbergen, denn reden, scherzen, und gemeinsam lachen wirken von außen sympathisch und verbindend, ich kenne sie als Versuche dem entgegen zu wirken, was ich bei sozialer Angst fürchte, nämlich negativ aufzufallen. Eventuell bietet es sich an eine Entspannungsübung einzubauen, um dem Menschen die Möglichkeit zu bieten, wieder etwas runter zu fahren. Ich muss auch nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, weil es zu Scham beim Gegenüber führen kann.
Mit Freeze und Fight bewege ich mich quasi um meinen Komfortbereich herum. Die Reaktionen betrachte ich eher als „Schieberegler“, nicht als „Kippschalter“ – mal bin ich näher an meinem Komfortbereich, mal weiter weg. Auch wenn sich das damals nicht gut angefühlt hat, Rückblickend hilft es mir heute die unterschiedlichen Reaktionen wahrzunehmen und einzuordnen, denn so kann ich in verschiedenen Situationen spüren, ob ich noch in Balance bin oder mich schon mehr aus meiner Komfortzone heraus bewege. Das kann heute auch ein wichtiger Hinweis auf mein aktuelles Streßlevel sein.
Was mir im Umgang mit sozialer Angst geholfen hat
Soziale Ängste sind unangenehm, aber das Wissen darum, wie sie sich äußern können, kann hilfreich sein für einen besseren Umgang. Wenn du selbst betroffen bist und auch, wenn du Betroffene in deinem Umfeld hast.
Ich habe gelernt: Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst sondern Mut ist, es mit Angst zu tun. Quasi ein „Date mit dem Schrecken“. Gut dosiert und ggf. mit therapeutischer Unterstützung. Übrigens: Auch dieser Beitrag ist nicht frei von der Sorge entstanden, dass ich z.B. missverstanden werden könnte oder jemand ihn aus irgendwelchen Gründen schlecht findet. Du kannst ihn gerade trotzdem lesen 😉
Sehr beeindruckt hat mich der offene Umgang des Meteorologen Nate Byrne, als er während seines Wetterberichts eine Panikattacke erlitt: bei YouTube anschauen
Disclaimer: Dies ist ein Betroffenen-Blog in dem ich meine Erfahrungen teile. Die Inhalte dienen Informations- und Bildungszwecken und ersetzen keine therapeutische oder medizinische Beratung oder Behandlung. Bei psychischen oder medizinischen Problemen, wende dich an deine Hausärztin oder deinen Hausarzt.

